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2007-06-28

12. Akt III - b

Pädagogische Sternstunden und vertretungstechnische Meisterleistungen - Akt III - b

Doch nun zu der inhaltlichen Seite des Unterrichts von Frau Nie-Nix-Gut:
Zunächst einmal – und das war durchaus begrüßenswert – hatte Frau Nie-Nix-Gut sehr hohe Ansprüche, die sie versuchte umzusetzen nach den Unterrichtsausfällen war ja auch eine Menge nachzuholen). Das Problem war, dass sie sich nicht groß darum kümmerte, was in der Klasse vorauszusetzen war. Nachdem sie in einem Merkblatt zur Aufsatzvorbereitung nur lateinische Begriffe wie Nomen, Adjektiv, Verb… benutzte, machte ich sie darauf aufmerksam, dass diese Begriffe noch nicht als „gelernt“, höchstens als „erwähnt“ vorauszusetzen seien und dass sie nicht davon ausgehen könne, dass alle Eltern diese Begrifflichkeiten kennen. „Da muss ich mal in dem Regelheft der Kinder nachschauen, ob da was drinssteht!“ Gute Idee, tun Sie das, Frau Nie-Nix-Gut!


Ihr Unterricht war wie eine kalte Dusche nach dem Larifarideutschunterricht vom ersten halben Jahr, aber die Klasse hatte eigentlich ein gutes Niveau gehabt die ersten beiden Jahre, so dass ihr Anspruch sicher kein Problem gewesen wäre – hätte sie nicht außerdem so gnadenlos benotet!

Ein Beispiel: In einem Grammatiktest über das Imperfekt wollte sie zum Einstieg wissen, was das Imperfekt beschreibe. Als Antwort wollte sie ausschließlich ihre Vorformulierung hören: „Ein abgeschlossenes Ereignis“. Besonders griffig für Drittklässer, oder? Mein Sohn schrieb (unelegant aber richtig): „Das was schon war“ – und bekam für diese inhaltlich richtige Aussage 0 Punkte! Ich konnte das nicht fassen, buchte – mal wieder einen - Termin und wollte über die Bepunktung aufgeklärt werden. Frau Nie-Nix-Gut hätte sich lange überlegt, ob sie dafür 0 oder einen halben Punkt geben sollte, aber sie hätten in der Klasse lange über Regeln für das Imperfekt (sie meinte damit ihre Formulierungen) geredet, und die Schüler sollten dies auch auswendig lernen, deshalb habe sie sich entschlossen, keinen Punkt zu geben. Ich entgegnete: „Selbst wenn ein Kind es schafft, diese abstrakte Formulierung auswendig zu lernen, und selbst wenn es diese Formulierung noch an die richtige Stelle im Lückentext einsetzt, können Sie immer noch nicht beurteilen, ob es verstanden hat, was es schrieb. Den Sachverhalt in eigenen Worten niederzuschreiben ist die größere Transferleistung und die benoten Sie mit 0 Punkten!“ – Schweigen im Walde…


Auffällig an ihrer Benotung war auch, dass just jene „schwarzen, unruhigen Schafe“, unabhängig welche Noten sie zuvor hatten, meistens ziemlich schlecht bei Frau Nie-Nix-Gut wegkamen, während unauffällige oder stromlinienförmigere Kinder tendenziell eher gut dastanden.
In ihrem ersten Aufsatz wurde das offensichtlich: Dieser war eine Personenbeschreibung. Für Drittklässer nicht ganz einfach, für meinen Sohn schon erst recht nicht, denn Aufsatzschreiben ist nicht so sein Ding… So übten wir nach den Vorgaben von Frau Nie-Nix-Gut ausführlich Satzumstellungen, Verwendung möglichst unterschiedlicher Verben, etc. Heraus kam eine 3-. Nun, für eine Eins hielt ich diesen Aufsatz auch nicht, aber eigentlich hatte mein Sohn doch im Wesentlichen die Dinge beachtet, die zu beachten waren. Ich durfte mir den Einseraufsatz (1-) eines Mitschülers zum Vergleich ausborgen, ein lieber netter Junge, brav und unauffällig und schon lange Klassenbester. Als ich nach dem ersten Durchlesen keine großen Unterschiede feststellen konnte, machte ich mir die Mühe einer grammatikalischen Analyse nach den Vorgaben, wie sie Frau Nie-Nix-Gut haben wollte – beide Aufsätze standen sich (außer in den 2 Noten Unterschied) in Nichts nach! So ging ich erneut zu Frau Nie-Nix-Gut, gab ihr ununterschrieben den Aufsatz meines Sohnes zurück und bat sie, die beiden von mir analysierten Aufsätze nochmals durchzulesen, vielleicht auch zusammen mit einer anderen Kollegin, denn im Vergleich wäre ich mit der Note nicht einverstanden und bat sie, sich mit mir nach den Osterferien diesbezüglich in Verbindung zu setzen. Sie war natürlich in einem Dilemma: Den einen Aufsatz schlechter benoten, darf sie nicht, den meines Sohnes besser zu benoten ist heikel, denn wenn das herauskäme, stünden 10 weitere Schüler da die ebenfalls… Bliebe noch, den gesamten Aufsatz zu wiederholen, doch dafür reichte die Zeit nicht mehr und wäre auch den Schülern nicht zu gönnen gewesen… Lange Rede, kurzer Sinn, sie hatte sich die beiden Aufsätze mit einer anderen Lehrerin angeschaut und sich entschlossen, die Note nicht zu verändern. Sie gab mir darüber nicht Bescheid, ich erfuhr es auf Nachfrage beiläufig bei meinem Sohn. Bei dem erbetenen neuerlichen Treffen gab sie zu, dass die 1- keine 1- und die 3- keine 3- sei, dass die beiden Aufsätze sich notenmäßig annäherten. Ich gab ihr daraufhin zu verstehen, dass ich eine Berücksichtigung dieses Umstandes bei der Zeugnisnote erwarte…
Wie gesagt, wir hatten stark den Eindruck, dass sich auch das Schülerverhalten in den Noten wieder spiegelte, was Frau Nie-Nix-Gut natürlich kategorisch abstritt.


Es war aber auch in manchen Teilen fehlende fachliche Kompetenz, v.a. beim Aufsatzkorrigieren bei ihr festzustellen. Zwei Beispiele: Sie strich in einem Aufsatz einen Grammatikfehler an wo keiner war, bzw. bewertete die falsche Form als richtig (was natürlich unter dem Stichwort „grammatikalisch richtige Sätze“ in die Benotung einging), beim 2. Aufsatz bemängelte sie ein Stilmittel, das zur Spannungssteigerung diente, forderte aber im nächsten Atemzug Spannungssteigerung ein…


Es kostete so viel Energie, sich ständig auf die Weise mit Frau Nie-Nix-Gut auseinanderzusetzen (ich hätte es ja auch sein lassen können, aber da ich „vom Fach bin“, ging es mir dermaßen gegen den Strich, dass eine noch nicht ausgebildete Lehrerin unsere Kinder / meinen Sohn auf die Art und Weise benoten darf, selber jedoch pädagogisch wie auch immer wieder fachlich völlig daneben greift – und dass uns die Schulbehörde eine solche, nicht ausgebildete Kraft zumutet!), so dass auch wir konkret mit dem Gedanken spielten, unseren Sohn auf eine andere Schule wechseln zu lassen…



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2007-06-26

10. Akt II -c

Pädagogische Sternstunden und vertretungstechnische Meisterleistungen - Akt II - c

Doch da, plötzlich, tauchte, unbemerkt von fast allen, kurz vor den Weihnachtsferien ein Silberstreif am Horizont auf: Eine neu zugezogene Grundschullehrerin, die die ganze Zeit im Mutterschutz war, fragte bei ihrer Nachbarin - einer Mutter unserer Klasse - an, wie das hier in Altrip so sei, ob Lehrer an der Grundschule gebraucht würden…

Die besagte Lehrerin meldete sich bei der Rektorin Frau L´école-c´est-moi um ihren schnellen Einsatz in der für alle Beteiligten prekären Situation anzubieten. Griff die Rektorin sofort zum Hörer, um mit der vorgesetzten Schulbehörde zu reden? Setzte sie alle Hebel in Bewegung, um diesen Strohhalm zu ergreifen? Hm, was es bedeutet, alle Hebel in Bewegung zu setzen, ist sicherlich eine Definitionssache; was die Rektorin Frau L´école-c´est-moi darunter verstand, war, die potentielle Lehrerin darauf hinzuweisen, dass sie sich an die vorgesetzte Schulbehörde wenden solle…
Das versuchte diese Lehrerin dann auch, doch die Vorboten der Weihnachtsferien hatten offensichtlich schon die vorgesetzte Schulbehörde erreicht und irgendwie ist es ihr nicht gelungen, zu den entscheidenten Beamten vorzudringen (oder waren es doch eher bürokratische Hürden, die der Amtsschimmel nicht schaffte?). So erlosch der Silberstreif ohne dass es überhaupt von jemandem, v.a. von der Mehrheit der Elternschaft, bemerkt worden wäre im Nirwana von Schulferien und Bürokratendschungel. Und weiter ging es wie zuvor.

Das Befremden mancher Eltern ob der schulischen Situation wuchs immer mehr und diese forderten die Elternsprecherin auf, einen Elternabend mit der Rektorin Frau L´école-c´est-moi einzuberufen (was die Eltern – und offensichtlich auch die Elternsprecherin- nicht wussten, war die Tatsache, dass ein Elternabend immer von dem Elternsprecher einberufen wird, auch durchaus ohne Lehrer/in, wenn´s denn sein muss).

Kurze Zeit später teilte die Elternsprecherin in einem von ihr verfassten Gedächtnisprotokoll des Gespräches mit, die Rektorin habe keine Zeit für einen solchen Elternabend. Dazu muss man anmerken, dass die Rektorin sehr wohl Zeit fand, in diesen Tagen einem Elternabend mit Pfarrer Gottlieb beizuwohnen, der alle Jahre wieder stattfindet, wegen dessen „individueller Unterrichtsmethoden“, den dieses Jahr von den Eltern aber so gut wie niemanden interessierte …

Auch deshalb wendeten sich die Eltern im Januar wieder an die Schulbehörde und fragten, ob diese einen Elternabend mit Rektorin veranlassen könnte. Die Beamtin zeigte sich erstaunt, dass noch keine Information an die Eltern weitergegeben wurde und gab bis Ende Januar Frist, wenn dann noch nichts passiert sei, sollten wir noch mal Bescheid geben. Ganz offensichtlich muss sich die Schulbehörde mit der Rektorin Frau L´école-c´est-moi in Verbindung gesetzt haben, denn diese kündigte „demnächst“ einen Elternabend an – aha!

Einige Anrufe bei der Schulbehörde später erhielten wir die befreiende Botschaft: „Wir haben eine Lehrerin für Ihre Klasse gefunden! Sie wird ab Anfang Februar eingesetzt!“ Ein Aufatmen ging durch die Reihen der Eltern, sie waren vorsichtig beruhigt, warteten auf den versprochenen Elternabend und hielten weiter still. So verging zwar mehr schlecht als recht die Zeit bis zum Halbjahreszeugnis, einige Male waberte auch das Gerücht durch die Sphäre, dass Frau Mausgrau-Unsichtbar wiederkäme, doch alle warteten auf das neue Halbjahr mit der neuen Lehrerin, die sicherlich alles zum Guten wenden würde…

Nach diesem doch hoch motivierenden ersten Halbjahr verließ das erste Kind dieser Klasse die Schule und wechselte auf eine private Grundschule in der nächstgelegenen Stadt. Die Mutter erzählte mir, bei dem Mädchen sei eine Teilleistungsschwäche festgestellt und sie sei mit dieser Klassensituation völlig überfordert. Sie habe über Wochen hinweg jede Nacht Alpträume wegen der Schule gehabt, so dass die Eltern handeln mussten. Da sie – nach allem, was bisher lief - an der hiesigen schulischen Situation keine Änderungen zum Positiven erwarteten, wählten sie den Schulwechsel, obwohl dieser jede Menge Fahrerei, Zeitaufwand und Kosten mit sich bringt.
Doch der Schulwechsel hatte zumindest dies zum Ergebnis, dass die Alpträume nach einer Woche in der neuen Schule vorbei waren - und sie Akt III nicht miterleben musste …


9. Akt II b

Pädagogische Sternstunden und vertretungstechnische Meisterleistungen - Akt II - b

In die Aera von Frau Rühr-mich-nicht-an fiel eine Sachkundearbeit der besonderen Art: In dieser Arbeit – sie handelte von Zug- und anderen Vögeln und hatte einen Stoffumfang von ca. 12 vollen Arbeitsblättern, wurden Antworten erwartet, die gar nicht abgefragt wurden. So reihte sich bei vielen Kindern ein rotes „Warum?“ nach dem anderen an den Korrekturrand. Manche Eltern durchschauten, dass die Fragen nicht zu den Antworten passten und wagten es, sich darüber zu beschweren. Auch ich schrieb einen Brief an Frau Rühr-mich-nicht-an, mit der Bitte, mir die Ansprüche der Arbeit zu erklären- keine Reaktion. So ging ich am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien in die Schule, um eine Antwort zu erhalten. Mit vor der Brust verschränkten Armen, den Blick nur nicht auf mich gerichtet, begegnete mir Frau Rühr-mich-nicht-an (ein zierliches Wesen, kaum größer als die zu unterrichtenden Kinder) und teilte mir mit, sie habe die Arbeit nicht konzipiert, das waren 2 Lehrerinnen des hiesigen Lehrkörpers (darunter die Rektorin Frau L´école-c´est-moi), sie habe sie nur korrigiert wie vorgesehen (und das noch eigentlich sehr positiv), sie könne nichts sonst darüber sagen. Wer konnte etwas dazu sagen? Nach den Weihnachtsferien kam ein Brief von der Rektorin Frau L´école-c´est-moi, die Arbeit werde noch mal durchgeschaut, und ggf. bei einzelnen Schülern korrigiert. Dabei blieb es – obwohl mir viele „Warum?“-korrigierte Schüler bekannt sind, wurde bei keinem die Note verändert…

Ansonsten – Funkstille von Seiten der Schulleitung…

Die Klasse hatte mittlerweile beinahe 3 Monate mit wechselnden Vertretungslehrern verbracht, von denen natürlich keiner eine Klassenleiterfunktion einnahm. So entwickelte sich das Klassenklima immer mehr zu einer eigenen Angelegenheit: Hänseln, Petzen, das Gesetz des Stärkeren setzten sich durch…

Über diese Entwicklung beunruhigt und über das Schweigen der Schulleitung befremdet liefen weiterhin die Drähte zur Schulbehörde heiß. Dort teilte man uns mit, vor Halbjahresende sei überhaupt nichts zu machen, da Frau Mausgrau-Unsichtbar ja nach wie vor nur kurzzeitig krankgeschrieben werde… Erst ab Februar (2. Halbjahr) gäbe es vielleicht die Möglichkeit, eine neue Lehrerin zu bekommen, falls Frau Mausgrau-Unsichtbar bis Februar nicht zurück sei. „Aber“, so versicherte man mir mit trauriger Stimme, „momentan ist der Lehrermarkt ja wie leergefegt, es gibt überhaupt keine Lehrkräfte. Sie können sich glücklich schätzen, nicht im Hinterland zu wohnen, denn da gehen die Lehrkräfte ja gar nicht gern hin. Überhaupt können Sie eigentlich froh sein, dass die vier dritten Klassen ihrer Schule nicht zusammengelegt wurden…“. Mir lag ja auf der Zunge zu erwiedern, das sei für die Kinder wohl das Beste gewesen! Außerdem schien es mir noch dunkel bekannt zu sein, dass Lehrer kraft ihres Amtseides hingeschickt werden können, wo der Staat sie haben will??? Im Übrigen wundert es mich nicht, dass in unserem Bundesland noch weniger Lehrer zu finden sind als anderswo: bei uns bekam man die ganze Zeit als frisch ausgebildeter Grundschullehrer höchstens ein Dreiviertel Deputat, oder Feuerwehrverträge, o.ä. während die Bundesländer um uns herum an den Landesgrenzen große Schilder aufstellten mit der Aufschrift: „Kommt alle zu uns, hier kriegt ihr volle Verträge mit Festanstellung“… Mehrere Grundschullehrer/innen habe ich auf die Weise kommen und v.a. wieder gehen sehen und es waren nicht die Schlechtesten darunter…


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2007-06-24

8. Akt II a

Akt II - a
Frau Mausgrau-Unsichtbar wurde immer nur für maximal 3 - 4 Wochen krankgeschrieben. Auch ich weiß, dass ein Arzt heutzutage angehalten ist nur für kurze Zeit eine Krankschreibung auszustellen, doch das hat zur Folge, dass keine „feste Ersatzlehrerin“ angefordert, bzw. eingestellt werden kann. Ehrlich gesagt, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen, dass man mit dieser Diagnose über Monate hinweg nur für 3-4 Wochen eine Krankschreibung erhalten kann, wo doch klar ist, dass Schonung, Reha und Ähnliches anstehen…??!! Jedenfalls rief Frau Mausgrau-Unsichtbar immer pünktlich nach 3 oder 4 Wochen montags vorm Unterricht an und meldete sich für eine weitere Runde ab.

Dieses Vorgehen, das bis zum Halbjahresende andauerte, brachte das Lehrerkollegium, allen voran die Rektorin Frau L´école-c´est-moi zum Rotieren, denn die Klassenleiterstunden von Frau Mausgrau-Unsichtbar mussten schließlich „irgendwie oder auch nicht“ vertreten werden. „Irgendwie“: die Rektorin Frau L´école-c´est-moi übernahm Mathe und Deutsch, Sachkunde wurde von wechselnden Lehrerinnen (Lehrer gibt es an unserer Grundschule keine mehr) vertreten und die „Nebenfächer“ ereilte ein Nebenfach-Dasein; „oder auch nicht“ bedeutete, dass in der Zeit von Oktober bis Ende Januar über 40 Stunden ganz ausfielen.
„Irgendwie“ bedeutete aber auch, dass Deutsch und Sachkundearbeiten nach wie vor von Frau Mausgrau-Unsichtbar korrigiert wurden – war sie nicht eigentlich krank? Diese Korrekturumwege hatten den apparten Effekt, dass weder Schüler noch Eltern Rückfragemöglichkeiten zu den Arbeiten hatten, denn selbstverständlich bekamen wir bei dem zurückgezogenen Lebensstil von Frau Mausgrau-Unsichtbar nie eine Telefonnummer zu Gesicht, noch wussten wir, wo sie wohnt (wir wussten nur, nicht in unserem Ort, denn schließlich wurde sie in gesunden Zeiten ja immer 5 Minuten vor 8 Uhr 6 km vorm Orteingang gesichtet…). Der Matheunterricht verlief nun in einigermaßen geregelten Bahnen, der Deutschunterricht jedoch beschränkte sich häufig nur noch auf das Ausfüllen von Lückentexten – was meinem ohnehin schreibfaulen Sohnemann gut zu pass kam…

Während sich das Lehrervertretungskarussell in unserer Klasse lustig drehte (manchmal schwebte auch für kurze Zeit eine Lehrerin von außerhalb herein), wurden die Eltern – oder wenigstens Teile davon – zusehens nervöser, denn obwohl Stundenausfall und Lückentexte für die süßen Kleinen vordergründig ganz erholsam waren, schaffen es Eltern eher, über den Tellerrand hinaus zu schauen und eventuelle Konsequenzen zu erahnen. Darüber jedenfalls hätten wir gerne einmal mit der Rektorin Frau L´école-c´est-moi geredet – oder doch wenigstens eine Information in Form eines Elternbriefes erhalten. Aber nichts dergleichen geschah. Eigentlich hatte sich die Schule am Anfang des Schuljahres hehre Regeln gegeben, eine Erziehungsvereinbarung gar, in der u.a. steht: „Wir, die Schule, informieren die Eltern über a. unterrichtliche Inhalte, b. die Lernentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung c. wichtige schulische Ereignisse“. Mhm, ist so eine Situation ein „wichtiges schulisches Ereignis“? Aber wenn es doch nun überhaupt nichts zu berichten gibt, weil Frau L´école-c´est-moi ja selbst nichts Neues von der vorgeordneten Schulbehörde zu berichten weiß? Klar, dann hüllt man sich in Schweigen, denn die Lehrerschaft tut ihr Bestes, um die Kids „bei ihrer umfassenden Entwicklung, ihren individuellen Fähigkeiten und ihrem natürlichen Wissensdrang zu unterstützen“ (Erziehungsvertrag, Punkt 2).


Nichtsdestotrotz, das beharrliche Schweigen von Seiten der Schule veranlasste besorgte Eltern, bei der Schulbehörde unbedarft anzurufen, um sich selbst zu erkundigen, wie es mit der Klasse weitergehe. Zunächst einmal bekamen diese zu hören, dass nichts, aber auch gar nichts zu machen sei, um einen normalen Schulalltag für die Kinder herbei zu führen, solange Frau Mausgrau-Unsichtbar nur so kurzfristige Krankmeldungen bringe, wenigstens bis zum neuen Schulhalbjahr; da würden dann die Karten neu gemischt, was die Besetzung von Stellen betrifft. Auch die Rektorin Frau L´école-c´est-moi hat wohl versucht, eine Anordnung zu bewirken, dass Frau Mausgrau-Unsichtbar bei einem Amtsarzt vorstellig werden müsse – angeblich keinerlei Handhabe…

So gingen die Wochen ins Land und einen Monat vor den Weihnachtsferien wehte uns das Vertretungskarusell eine blutjunge Lehrerin - Frau Rühr-mich-nicht-an - herein, die immerhin bis zu den Weihnachtsferien Sachkunde unterrichten sollte. Das hätte man ja auch fast als Verbesserung ansehen können, wäre Frau Rühr-mich-nicht-an nicht unglaublich schüchtern, beinahe verängstigt gewesen und hätte sie bereits eine fertige Ausbildung gehabt… Sie befand sich stattdessen in der Warteschleife zum Referendariat, und sollte, von der Schulbehörde geschickt, mal fix bei uns aushelfen. Unsere Kinder hat es gefreut, denn in den Stunden von Frau Rühr-mich-nicht-an bestimmten sie, wo es langging, die Phonzahl war so hoch wie in den Pausen – was will man als Schüler mehr?

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2007-06-23

7. Akt I

Pädagogische Sternstunden und vertretungstechnische Meisterleistungen - Akt I
Irgendwann in den letzten Wochen des Schuljahres ereilte uns die Nachricht, Frau Mausgrau-Unsichtbar würde unsere Klasse übernehmen. Viele von den Eltern kannten diese Lehrerin nicht, da sie noch keine älteren Kinder in der Grundschule hatten und Frau Mausgrau-Unsichtbar irgendwie auch nicht auffiel, und so holte man sich Informationen von „altgedienten Kennern der Szene“… „Dienst nach Vorschrift, keine Ausflüge, kein Landschulheim, hat bei der letzten Projektwoche (vor 4 Jahren…) als Einzige nichts besonderes gemacht, vom alten Schlag, vermittelt solide Kenntnisse, wenn auch nur das Minimum des Verlangten“ – das war die Bandbreite der Auskünfte. Vielleicht stand unseren Kindern nach zwei Jahren Engagement ja auch einfach mal das Gegenteil zu (damit die Statistik wieder stimmt) und wenn sie solide Kenntnisse vermittelt bekommen, die sie auf die weiterführende Schule vorbereiten, ist es ja vielleicht auch in Ordnung…
Wir hatten keine Ahnung, wie „gut“ diese Vorbereitung für unsere Kinder ausfallen sollte…

Die 3. Klasse begann und wenn man die Kinder fragte, wie Frau Mausgrau-Unsichtbar denn sei, bekam man meistens die Antwort: „Ja, ok…“.
Nach ca. 4 Wochen sagte mein Sohn beim Mittagessen: „Mama, Frau Mausgrau - Unsichtbar kommt immer zu spät in den Unterricht.“ – „Was meinst Du denn mit „zu spät““, fragte ich nach. „Na ja, so 10 Minuten etwa…“ Mein Sohn war bereits sehr gut in der Lage, die Uhr zu lesen, die unübersehbar im Klassenzimmer hing. Den Verdacht, dass in dieser Schule die Lehrer/innen häufig zu spät kommen, hatte ich schon länger, denn wann immer (na gut, fast immer – insb. bei der Vorgänger-Lehrerin ist mir diesbezüglich nichts aufgefallen) ich meinen Kindern etwas in die Schule nachgetragen habe, musste ich feststellen, dass Pünktlichkeit keine große Zierde war an unserer Grundschule…
Angesichts der Tatsache, dass Frau Mausgrau-Unsichtbar gerade damit begonnen hatte, Striche für nicht erledigte Hausaufgaben einzuführen (bei 3 Strichen eine 6…), kam mir folgende Idee in den Sinn, die ich meinem Sohn vorschlug der Lehrerin zu unterbreiten: „Weißt Du was, schlage Frau Mausgrau-Unsichtbar doch folgenden „Handel“ vor: Wenn sie mehr als 3 Mal die Woche zu spät kommt (diese Strichliste müsstet ihr führen), dann wird eine Hausaufgabe gestrichen!“ Zunächst war sich mein Sohn nicht ganz sicher, ob er ihr diesen Handel vorschlagen solle, dann fand er es offensichtlich doch ziemlich gerecht (v.a. im Hinblick auf die Strichliste von Frau Mausgrau-Unsichtbar) und wagte sich vor. Offensichtlich zu weit, denn als er am nächsten Tag nach Hause kam, war er völlig am Boden zerstört, meinte, er sage nie mehr etwas, und Frau Mausgrau-Unsichtbar käme auch nicht zu spät, sie sei ja immer schon im Haus. Ah ja! Das ist natürlich ein nicht zu entkräftendes Argument, gerade auch angesichts der Tatsache, dass die Wege vom Lehrerzimmer zum Klassenzimmer zugegebener Maßen auch extrem weit sind (eine Treppe mit 20 Stufen nach oben). Ich hatte jedenfalls Mühe, meinen Sohn, auf den ich eigentlich wirklich stolz war, moralisch wieder aufzurichten…

Kleiner Exkurs: Das Problem des Zuspätkommens von Lehrerinnen zog sich durch das ganze Schuljahr. Warteten die Kinder an der Tür oder auf dem Gang, um die Lehrerinnen als erstes zu erspähen, bekamen sie eine Strafarbeit. Sie sollten unauffällig in der Klasse warten. War die Zeit für „unauffälliges Warten“ zu lang, gab es wiederum Strafarbeiten…

Wenig später erzählte mir eine Bekannte, deren Sohn vier Jahre zuvor den Unterricht bei Frau Mausgrau-Unsichtbar erleben durfte, dieses Zuspätkommen wundere sie nun allerdings wenig, denn Frau Mausgrau-Unsichtbar begegne ihr immer 5 Minuten vor Acht etwa 6 Kilometer vor unserem Ort auf der Bundesstraße. Dafür kam ihr Sohn aber auch häufig früher nach Hause (etwa um 13.00 Uhr – 13.00 ist eigentlich Schulschluss…).
Ebenfalls am Anfang des Schuljahres wurde unserer Klasse das Merkblatt zu den einzelnen AGs ausgehändigt, wie immer mit einem Abschnitt zum Abtrennen. Schüler Christoph brachte den ausgefüllten Zettel mit in die Schule – leider jedoch ohne den Abschnitt abgetrennt zu haben. Darauf Frau Mausgrau-Unsichtbar: „Das kann ich so nicht annehmen!“ Vermutlich hatte Christoph eine Schere dabei und hätte den Abschnitt gleich abschneiden können, er nahm den Zettel jedoch mit nach Hause, trennte ihn ordnungsgemäß ab und brachte ihn am nächsten Tag wieder mit in die Schule, um ihn Frau Mausgrau-Unsichtbar auszuhändigen. Auch an diesem Tag nahm sie den Zettel nicht entgegen, nun mit dem Hinweis „Heute ist es leider zu spät, die Anmeldungen abzugeben!“


Ach ja, Noten gab es ab der 3. Klasse ja auch! Als nach Herausgabe des ersten Diktates eine Mutter ihr Kind von der Schule, am Klassenzimmer abholte, sah sie ein Mädchen herzzerreißend schluchzen, da sie eine 5 geschrieben hatte. Auf die vorsichtige, wahrscheinlich pädagogisch völlig unqualifizerte Frage der Mutter, ob man nicht vielleicht etwas sachter in die Notengebung einsteigen könne, ob es unbedingt gleich Fünfen geben müsse, meinte Frau Mausgrau-Unsichtbar, das sei nicht möglich; sie könne sich überdies nicht um die Gemütslage jedes einzelnen Kindes kümmern.

Vielleicht gab es noch weitere vertrauensbildende Maßnahmen zwischen neuer Klassenlehrerin und ihrer Klasse, die mir nicht zu Ohren kamen – oder wir hätten noch weitere erlebt, doch dazu kam es nicht mehr, denn eine Woche vor den Herbstferien wurde Frau Mausgrau-Unsichtbar krank, schwerkrank sogar. Obwohl man nichts Genaues wusste, munkelte man nach Ferienende etwas von einem Herzinfarkt…



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2007-06-12

4. G 8 - nein, nicht DER Gipfel... G 8 ist der Gipfel

Während momentan unter G 8 der Gipfel in Heiligendamm in aller Munde ist / war, haben wir das Vergnügen, mit dem achtjährigen Gymnasium in Baden-Württemberg Bekanntschaft zu machen.

Just während wir einerseits an der "Grundschulfront" kämpften, wurde unser Mittlerer in das achtjährige Gymnasium eingeschult, bei dem es gleich mit zwei Fremdsprachen auf einmal losgeht.
Die Möglichkeiten hierfür an unserer Schule sind Englisch / Latein, oder Englisch /Französisch.

Auf einem Elternabend im Vorfeld wollte ich wissen, mit welchem "pädagogischen Konzept" man zwei lebende Sprachen, die so unterschiedlich gesprochen und geschrieben werden wie Englisch und Französisch unterrichten wird...?
Nur der Hinweis, dass die Erfahrungen in anderen Ländern zeigten, dass dies funktioniere, kam als Antwort. Nach dem Elternabend kamen einige Fachlehrer auf mich zu und sagten hinter vorgehaltener Hand, sie hätten keine Ahnung, wie das klappen könne, sie wüssten noch überhaupt nicht, was auf sie zukäme, es sei doch vermutlich sinnvoller, Englisch und Latein zu wählen...
Für diese Kombination entschieden wir uns dann auch.


Kurz gesagt, die 5. Klasse wurde für unseren Mittleren (und z.T. auch für uns...) zur "Sprachenhölle"... 30 Vokabeln Englisch, dazu 10 in Latein waren durchaus keine Seltenheit!

Zum einen gab es für Latein und Englisch keine Lehrbücher, die für das achtjährige Gymnasium geschrieben waren. Die Lateinlehrerin sagte mir auch ohne Umschweife, dass sie den gleichen Stoff den Schülern beibringen müsse, nur dass sie eben statt 6 nur noch 4 Stunden zur Verfügung habe. Ah ja! So war das also mit dem G 8 gemeint! Wo will man bei Sprachen auch den Lehrstoff entrümpeln? Soll man ein paar Deklinationen oder Zeiten o.ä. weglassen?
Die (alten) Englischbücher wurden schulintern gekürzt; das bedeutete aber natürlich nicht, dass sich Grammatik oder Vokabeln verringerten, sondern die spielerischen Elemente (die letztlich der Vertiefung dienen), sollen nun weggelassen werden.
Die Vertiefung erledigen ab sofort die Eltern!!!

Nach allgemeinem Aufstöhnen der 5.Klässer wurde eine Umfrage in den einzelnen Klassen durchgeführt mit dem Ergebnis, dass (inklusive Schulweg) die 5.Klässer eine durchschnittliche Wochenbelastung von 47 Stunden haben, der durchschnittliche Einsatz der Eltern pro Woche betrug 4,5 Stunden. Je nach Klassenarbeitssituation konnte sich dieses Pensum erheblich erhöhen...
Psychosomatische Auffälligkeiten der Schüler waren nicht unüblich.

Wir haben in unserer Klasse die Erfahrung gemacht, ohne Eltern, die den 5.Klässern helfen, die Stofffülle in Häppchen zu servieren, die abhören, die sich Gedanken um Fragestellungen für die nächste Arbeit machen etc. läuft gar nichts! Pisa wird hier komplett bestätigt, denn Kinder aus sog. "bildungsfernem Elternhaus" haben schlichtweg keine Chance mehr!

Außerdem ist die durch das G8 auch die schulartdurchlässige Orientierungsstufe abgeschafft, denn ein Wechsel von der Realschule auf Gymnasium nach der 6. Klasse wird unmöglich.

Das alles heißt: Aussortiert wird nach 4. Klasse, keine Chance für Spätzünder oder Kinder ohne elterliche Unterstützung, und für die Eltern: reduziert Eure Arbeit, damit Ihr in der Lage seid, Eure Sprößlinge so lange zu unterstützen, bis sie "auf der richtigen Spur sind"...

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, wird deutlich, dass die "Bildungsschere" immer weiter aufgeht! In "meinem" Gymnasium waren hauptsächlich "Arbeiterkinder"; die meisten unserer Eltern hatten weder Zeit, noch Geld, noch Voraussetzungen, uns großartig zu unterstützen - und wir haben es auch so geschafft! Heute wäre das undenkbar!

Und auch alle die, die nicht aufs Gymnasium gingen (und das waren "zu meiner Zeit" noch genügend, auch v.a. Hauptschüler) konnten mit ihrem Abschluss einen "ordentlichen Beruf" erlernen, eine Weiterbildung anstreben, hatten aber auf alle Fälle einen brauchbaren Abschluss inklusive der entscheidenten Grundkenntnisse in Mathe und Deutsch!

Wie kam es zu dieser eklatanten Schieflage während der letzten 25 Jahre???
Bildungsgerechtigkeit

Gymnasium - Schüler und Eltern überfordert

Elternumfrage zeigt wachsende Belastung der Familien durch achtjähriges Gymnasium

Evas 51 Stundenwoche


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